Tagespflegeplätze: Mehr Schein als Sein?
Es klang wie eine Erfolgsmeldung: „100 neue Tagesmütter nehmen Arbeit auf“, titelte Ende November 2011 der „Kölner Stadt-Anzeiger“, und zwar schon „in den nächsten Wochen“. Die Stadt Köln habe dann „die 30-Prozent-Hürde beim Betreuungsangebot für die unter Drei-Jährigen geknackt“ und liege damit „weit über dem Landesdurchschnitt und in der Spitzengruppe der Kommunen im Land“.
Hört sich wirklich gut an. Zumal es auch noch hieß, dass jede dieser neuen Tagesmütter „vier bis fünf Kinder betreuen“ könne. Macht also alles in allem 400 bis 500 neue Betreuungsplätze für unter Dreijährige auf einen Schlag. Hurra!
Kenner der Tagesmütter-Szene freilich kamen ins Grübeln. Katja B.* aus Köln etwa. „Kann nicht sein“, war ihr erster Gedanke, als sie die Nachricht las. Sie gehört selbst zu den „neuen Tagesmüttern“, von denen da die Rede war. Erst im Dezember hatte sie den Kurs für angehende Tagesmütter abgeschlossen und die Prüfung absolviert. Diese Kurse sind bereits seit Jahren obligatorisch für neue Tagesmütter.
„Von den Leuten in meinem Kurs“, erzählt Katja B. „hatte zum Zeitpunkt der Prüfung keiner mehr einen Betreuungsplatz frei.“ Längst waren die Betreuungsplätze bei den „neuen Tagesmüttern“ belegt – noch bevor sie ihr Zertifikat in den Händen hielten.
Hintergrund ist die enorme Knappheit an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren: Eigentlich bekommen Tagesmütter und –väter die Pflegeerlaubnis erst, nachdem sie den 160-Stunden-Kurs absolviert haben. Weil aber die Nachfrage nach Tagesmüttern so groß ist, machte die Stadt eine Ausnahme, und stellte den angehenden Tageseltern aus Katja B's Kurs die Pflegeerlaubnis schon nach der Hälfte des Ausbildung aus, also mit Abschluss des Grundkurses über 80 Stunden. Ruckzuck waren alle Plätze belegt.
Die Nachricht von den vielen neuen Tagesmütter sei deshalb irreführend. „Für mich las sich das so, als ob auf einen Schlag bis zu 500 Plätze zur Verfügung stünden“, sagt die Tagesmutter, „davon kann nicht die Rede sein.“
Den Eltern in Köln machte die Nachricht dennoch Mut – sie konnten ja nicht wissen, dass kaum mehr was zu holen war: An dem Wochenende, nach dem die Nachricht von den 100 neuen Tagesmüttern erschienen war, „hatte ich neun Anrufe von interessierten Eltern“, erzählt Katja B.
Beim Ausbau der Betreuung sei noch einiges im Argen, sagt sie, die neuen Vermittlungsstellen für Tagesmütter etwa seien heillos überfordert, viele Tagesmütter führten Wartelisten „bis August 2012“.
Immerhin geben auch Kritiker zu, dass etwas geschieht in Köln – dass es mit dem Ausbau der Kinderbetreuung vorangeht. „Es passiert schon viel“, sagt auch Katja B. „Aber noch lange nicht so viel, wie suggeriert wird.“ Die Qualifizierung findet sie dennoch gut, außerdem zahlt die Stadt die Hälfte der Sozialabgaben, und Tagesmütter haben jetzt einen festen Ansprechpartner beim Amt. „Das erleichtert uns die Arbeit.“ Nur der Informationsfluss könnte besser sein.
Und immerhin gibt auch die Stadt Köln zu, dass noch Arbeit vor ihr liegt, was die Betreuungsmöglichkeiten für unter Dreijährige angeht. Die Quote von 30 Prozent habe man zwar erreicht, heißt es in einer Pressemitteilung von Anfang November. „Gleichwohl bleibt noch sehr viel zu tun.“
Autor: Bernd Kupilas
* Name von der Redaktion geändert
